Beiträge

Zeitungskaufempfehlung

Shoutout für den Standard mit der aktuellen Wochenendausgabe. Schwerpunkt ist die europäische Wirtschaft und deren Zukunft – mit einigen wirklich gelungenen Beiträgen.

Eine nicht vollständige Auswahl:

  • Zahlen und Fakten zu Europas Forschung & Entwicklung, mit zahlreichen Beispielen, u.a. aus der Batterieforschung, der Stahlproduktion (voestalpine in Kapfenberg) oder zu Schweden als Innovations-Vorreiter (vor Jahren habe ich bei der FFG einen Austausch mit Schweden zu Digitalisierung initiiert; das Ergebnis findet sich noch immer online)
  • Ein optimistisches und gleichzeitig kritisches und daher sehr lesenswertes Interview zur wirtschaftlichen Lage mit Mario Holzner vom Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw), u.a. zur wichtigen Rolle von Energie für die europäische Industrie
  • Beiträge zu Mistral AI & Emmi AI und zu weiteren europäischen Firmen rund um AI (inkl. obligatorischem Linz-beginnt’s-Schmäh in der Headline 😏)
  • Eine Analyse zum „China Shock 2.0“ von Andras Szigetvari – das Thema China beschäftigt mich beruflich schon seit einiger Zeit. Das in der Analyse beschriebene Dilemma und die Forderung nach aktiver europäischer Industriepolitik ist ein wesentlicher Aspekt, den wir in dem Zusammenhang bei der Plattform Industrie 4.0 immer wieder diskutieren.
  • Verschiedene Artikel zu österreichischen „Hidden Champions“ mit ordentlichen Beschreibungen zu deren Schwerpunkten. Solche Firmen sichern unseren Wohlstand. Mit dabei einige wichtige Industriebetriebe, z.B. Bachmann, Bauer, TSA, Treibacher oder Silhouette

Ich beklage mich oft über die in Österreich viel zu oberflächliche Berichterstattung zu Industrie, Wirtschaftspolitik & Co. Diese Zeitung ist eine wirklich gelungene Abwechselung.

Daher eine große Kaufempfehlung meinerseits. Gerne mehr davon! 💪📰

Titelseite Der Standard, 30. Mai 2026

Erwartungsmanagement

Eine Bitkom-Umfrage ergibt, dass 99% der Deutschen es für wichtig halten, dass das Land digital unabhängiger wird: https://www.heise.de/news/99-Prozent-wollen-digitale-Unabhaengigkeit-6-Prozent-nutzen-KI-aus-EU-11252308.html

In Frankreich müssen bis zum Herbst Ministerien & Behörden Pläne zum Umstieg auf Linux vorlegen: https://www.derstandard.at/story/3000000316292/adieu-windows-frankreich-beschliesst-plan-hin-zur-digitalen-souveraenitaet

People often overestimate what will happen in the next two years and underestimate what will happen in ten.“ – ein Zitat von Bill Gates, 1996.

made in China

Ein lesenswerter Artikel des französischen Unternehmers Robin Rivaton über chinesische Industriepolitik: https://www.project-syndicate.org/commentary/china-manufacturing-success-depend-on-industrial-density-by-robin-rivaton-2026-02

Die Kernaussagen aus meiner Sicht:

  •  Regionale Zentren mit hoher Industriedichte spielen eine wesentliche Rolle. Kompetenzaufbau, iterative Verbesserungen und schlussendlich Innovationen entstehen durch den Austausch und die Interaktion in den Industrieclustern. Der Aufbau robuster, industrieller Ökosysteme dauert Jahre.
  • Kapital wird in China durch eine Mischung aus Fremdkapital und eigenkapitalähnlichen, öffentlichen Mitteln bereitgestellt. Das führt zu wenig Fokus auf Shareholder Value, gleichzeitig zu großer Toleranz für langfristig niedrige Renditen.
  • Im Technologiebereich fokussiert man seit 2018 die Stärkung von „Little Giants“. Damit gemeint sind tausende Unternehmen mit hohem Spezialisierungsgrad, F&E-Engagement und mit vielen Patenten. Sie werden gezielt unterstützt, abseits von Förderungen z.B. durch gezielte Nachfragepolitik.

Eine ähnliche Perspektive vertritt Dan Wang in seinem Buch „Breakneck“ (große Leseempfehlung! Gibt’s z.B. hier): Fertigungskompetenz und Prozesswissen sind zentral, die Fähigkeit zu „bauen“, zu entwickeln und umzusetzen, ist wesentlich für die volkswirtschaftliche Entwicklung Chinas – wie auch für den „Westen“.

Was heißt das für Österreich, insbesondere für die produzierende Industrie in Europa?

Meine Sichtweise: In den Bereichen, in denen wir über differenzierendes Knowhow und bestehende Industriecluster verfügen, sollten wir uns bemühen, diese zu halten und Forschung & Entwicklung zu forcieren – ich denke z.B. an die spezialisierte Halbleiter-Fertigung, den Spritzguss oder große Teile der Metallverarbeitung. „Little Giants“ sind das, was wir in Österreich gerne „Hidden Champions“ nennen. Diese Unternehmen und die mit ihnen verbundenen Kompetenzen zu unterstützen und auszubauen, mit AI & Co. anzureichern, wäre ein wichtiges Ziel. Außerdem brauchen innovative Unternehmen, bestehende und neue, geduldiges Kapital für langfristige Investitionen – gerade auch, wenn Firmen und ihre Geschäftsmodelle kein klassischer Fall für Venture Capital Investments sind.

Freue mich über Rückmeldungen, bestärkende oder abweichende Gedanken. Ich finde es wichtig, Industriepolitik breit zu diskutieren.

himmlisch

Das sind gute Nachrichten für Social Media in Europa: die spanische Igalia, ein globaler Treiber von Open Source Softwareentwicklung, hat bekanntgegeben, die Entwicklung des Eurosky Projekts zu unterstützen: https://www.igalia.com/2026/03/18/Advancing-the-AT-Protocol-in-Partnership-with-Eurosky.html

Eurosky baut eine europäische Implementierung des AT Protocols, auf dem u.a. das soziale Netzwerk Bluesky basiert.

Szenendiskussion

Die ganze Woche schon wird auf Social Media der Einstieg von Peter Steinberger (OpenClaw) bei OpenAI heiß diskutiert. In den meisten Fällen dominiert die Einseitigkeit („Unternehmer werden in Europa mit Füßen getreten„, „Wieder ein Startup Bro, dem Sicherheit egal ist„, etc.). Eine nicht einseitige und hörenswerte Einordnung machen dafür Jakob Steinschaden und Clemens Wasner in ihrem „AI Talk“: https://www.trendingtopics.eu/steinberger-kontroverse/

Too long; didn’t listen:

  • Beim Fall Steinberger geht es weniger um Startups als um Open Source Softwareentwicklung; der Abgesang auf Europa durch seinen Jobwechsel ist fehl am Platz.
  • Das ORF-Interview bei Armin Wolf war kritisch und das ist auch die Aufgabe der Zeit im Bild; gleichzeitig gibt es in Österreich ein Problem zu Technologiebildung.
  • Österreich und Europa sind im Open Source Bereich gut aufgestellt; die Unterstützung für Unternehmen und Geschäftsmodelle ist aber zu gering, häufig bleiben nur Lippenbekenntnisse.

Ergänzung von meiner Seite: im politischen Diskurs steht bei Open Source meistens die öffentlichen Verwaltung im Mittelpunkt. Das ist schon wichtig, aber der potenzielle wirtschaftliche Hebel und die Wertschöpfung durch entsprechende Geschäftsmodelle sind mindestens so relevant. Unser Zugang dazu muss sich ändern, denn gerade im Umfeld der Produktion („Rückgrat der Wirtschaft“, „Hidden Champions“ usw.) gäbe es hier sehr viele Möglichkeiten.

Wettbewerbsdifferenzen

Ein lesenswerter Artikel über die Wettbewerbspolitik der EU: Wettbewerb hat qualitativ verschiedene Dimensionen – in den USA wird meist auf Marktkapitalisierung und -dominanz fokussiert. Das nachzuahmen ist für Europa nicht sinnvoll. Stattdessen sollte sich die EU darauf fokussieren, möglichst vielen Unternehmen bessere Wettbewerbsbedingungen für Produktivität und Innovation zu ermöglichen und Monopolbildungen zu verhindern. Auch in der Digitalisierung.

https://www.project-syndicate.org/commentary/europe-should-not-emulate-us-style-competitiveness-by-sandeep-vaheesan-2026-02

Chatsouveränität

Langsam, aber stetig, nutzen immer mehr Organisationen und öffentliche Einrichtungen das offene Matrix-Protokoll (u.a. Messenger Element) für souveränes Instant Messaging: https://www.theregister.com/2026/02/09/matrix_element_secure_chat/

Im Artikel wird auch erwähnt, dass „das österreichische Gesundheitssystem“ Matrix nutzen würde. Falls jemand dazu etwas weiß, freue ich mich über ein Info!

Souveränitätsgedanken

Bei PULS 4 wurde in der Sendung „Breaking Media“ die digitale Souveränität Österreichs besprochen. Dazu war Staatssekretär Alexander Pröll als Gast in der Sendung (ab 15:50 min) – ich durfte einen EInspieler beisteuern (18:50 min):

https://www.joyn.at/play/serien/breaking-media-machtmedienkompetenz/1-2-breaking-media-mutprobe-journalismus

Wolkenbruch

Nextcloud, eines der führenden Open Source Unternehmen Europas und in Österreich u.a. im Wirtschaftsministerium im Einsatz, über notwendige Schritte für mehr digitaler Souveränität in Europa und den EuroStack:

https://nextcloud.com/blog/digital-sovereignty-in-europe-what-still-lies-ahead/

Souveränitätserkenntnisse

Die Diskussion zu digitaler Souveränität nimmt seit Monaten an Fahrt auf. Beim OpenForum Europe hat man sich die Vorgehensweise Dänemarks näher angesehen: https://openforumeurope.org/open-technologies-public-procurement-and-economic-impact-lessons-from-denmark-for-europes-next-digital-laws/

Drei Erkenntnisse:

1️⃣ Die öffentliche Beschaffung ist dort ein zentraler Hebel. Durch sie entsteht eine stabile Nachfrage für souveräne IT-Lösungen und dadurch Investitons-/Planungssicherheit für Unternehmen. Die wiederum generiert regionale Wertschöpfung.

2️⃣ Die geänderte Kostenstruktur wird proaktiv adressiert. Bei der Verwendung von Open Source Software zahlt man weniger für Lizenzen. Stattdessen investiert man in Knowhow-Aufbau oder Wartungsverträge und Adaptierung von Software.

3️⃣ Bei digitaler Souveränität geht es nicht um die Software-Vorlieben einzelner Personen oder Institutionen. Vielmehr geht es um ein Abwiegen von Risiken. Dabei können Open Source Program Offices (OSPOs) als zentrale Stellen für Koordination und Komplexitätsabbau helfen.