Souveränitätswunschvorstellungen

Ich durfte beim Falter den folgenden Beitrag zu digitaler Souveränität veröffentlichen: https://www.falter.at/zeitung/20260107/wir-muessen-digitale-souveraenitaet-endlich-ernst-nehmen


Wir müssen digitale Souveränität endlich ernst nehmen

Wenn IT-Systeme ausfallen, Preise digitaler Services erhöht werden oder Staaten Einfluss auf Technologie-Konzerne nehmen, dann läuten in Europa die digitalpolitischen Alarmglocken. Immer mehr Menschenverstehen, dass einseitige Abhängigkeiten in der Digitalisierung ein Problem sind. Ende November gab es zur digitalen Souveränität einen eigenen Gipfel in Berlin. Europa brauche mehr digitale Gestaltungsmöglichkeiten, die Bedeutung freier und offener Software wurde unterstrichen.

Auch Österreich brachte sich ein und auch hierzulande gibt es entsprechende Entwicklungen. So nutzen z.B. einzelne Ministerien freie Software für Bürotätigkeiten oder als Kollaborations-Plattform. Beinahe unbemerkt haben sich in Österreich auch IT-Player mit europäischer Strahlkraft entwickelt, z.B. bei Cloud-Lösungen oder im Bereich der Virtualisierung. Open Source Software und Hardware werden häufig mit österreichischer Unterstützung entwickelt.

Open Source? Das ist doch ein Thema für die Nerds? Und München ist ja mit Linux gescheitert, oder? Leider sitzen solche Vorstellungen tief in den Köpfen so mancher Entscheidungsträger. Gleichzeitig wird das wirtschaftliche Potenzial offener Softwareentwicklung von EU-Kommission, Branchenvertretungen und Unternehmen längst gesehen. Open Source Software wird z.B. im Maschinenbau eingesetzt, wo die am Weltmarkt gefragte Kernkompetenz durch offene Software ergänzt und verstärkt wird. Für Österreich ergeben sich dadurch große Chancen.

Möglichkeiten für Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft

Digitale Souveränität bzw. Open Source als wirtschaftliches Standbein Österreichs – was ist dafür notwendig? Es braucht einen gesamtheitlichen Zugang und eine engere Verzahnung der unterschiedlichen Aktivitäten im Land.

Offene und alternative Software ist für die öffentliche Hand zunehmend interessant, einerseits um langfristig plattformunabhängig digitale Services anbieten zu können, andererseits aufgrund der budgetären Realität – hohe monatliche Lizenzzahlungen kosten Geld. Um das eigene Personal nicht zu überfordern, braucht es Schulungen und Ausbildungsangebote – z.B. für Gemeinden, Krankenhäuser & Co. Mitstreiter lassen sich auf allen Ebenen finden: das Land Dänemark, das deutsche Bundesland Schleswig-Holstein oder die französische Stadt Lyon steigen gerade auf quelloffene Systeme um. Der Umgang mit Open Source Software muss außerdem in Schulen vermittelt und in den Unterricht integriert werden. Initiativen dazu existieren, sie brauchen Unterstützung und eine institutionelle Verankerung.

Unternehmen und Betriebe entwickeln und nutzen digitale Produkte. Für vermehrte gemeinsame Entwicklung souveräner Software oder Hardware braucht es z.B. Klarstellungen rund um das Kartellrecht. Auch für die Nutzung offener Angebote können Anreize gesetzt werden. Wollen Firmen in digitalsouveräne Lösungen investieren, dann sind die Anschaffungskosten meist höher als der kurzfristige Bezug dominanter Services: kompetentes Personal, eigene Hardware oder Verträge mit lokalen Dienstleistern kosten Geld. Gerade für KMU ist die Liquidität essenziell, günstige Kredite für Investitionen in digitale Souveränität könnten budgetneutral Abhilfe schaffen.

Auch die Wissenschaft spielt bei der Umsetzung digitaler Souveränität eine wichtige Rolle. Die Anbindung der angewandten Forschung an bestehende Open Source Projekte könnte erleichtert werden. Das würde die Wirkung von Forschungsmitteln verbessern und die in Österreich gute Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft stärken. Dabei könnte Österreich z.B. von den Erfahrungen des deutschen Sovereign Tech Fund profitieren.

Digitale Souveränität und Open Source als Standortfaktor

Zu digitaler Souveränität gibt es in Österreich positive Entwicklungen und Stärkefelder: das birgt großes wirtschaftliches Potenzial. Neutralität, Diplomatie und wirtschaftliche Kooperation beherrscht Österreich in der analogen Welt. Diese Stärken könnte man auch digital ausspielen und sich als Standort positionieren.

Die Welt ist im Wandel, insbesondere die digitale. Europa ist sich seiner Abhängigkeiten zunehmend bewusst und investiert, um gegenzusteuern. Wenn Österreich davon profitieren will, dann müssen wir digitale Souveränität jetzt endlich ernst nehmen.

Alterskontrolldiskussionen

Altersnachweise im Internet sind ein heiß diskutiertes Thema. Epicenter.works hat im Dezember einen Umsetzungsvorschlag veröffentlicht. Inhaltlich kann man dazu sehr unterschiedlicher Meinung sein, aus meiner Sicht ist es aber wirklich wichtig & sinnvoll, dass sich gesellschaftspolitische Akteure mit Technologie-Knowhow in die Diskussion einbringen.

Lesenswert: https://epicenter.works/content/altersverifikation-neu-gedacht-ein-moeglicher-loesungsansatz

Erdgewinnungsmaßnahmen

Seltene Erden“ sind als zentrale Elemente moderner Technologien immer wieder in den Nachrichten. China dominiert den Markt. Zwei lesenswerte Artikel, die zeigen wie Japan und die USA damit umzugehen:

1️⃣ In Japan hat man vor 15 Jahren begonnen, alternative Bezugsquellen für seltene Erden aufzubauen. Die Regierung investierte eine Mrd. $ und unterstützte japanische Unternehmen beim Aufbau von Kooperationen, insbesondere mit einem australischen Bergbau-Unternehmen mit einer Verarbeitungsanlage in Malaysien. Die Abhängigkeit von China konnte von 90% (2010) auf 60-70% reduziert werden: https://www.nytimes.com/2025/12/08/business/japan-rare-earths-lynas.html

2️⃣ In den USA entstehen derzeit einige Startups, die ebenfalls an seltenen Erden arbeiten. Banken und Fonds investieren. Auch die US-Regierung beteiligt sich direkt an Bergbaufirmen und Startups. Gleichzeitig fehlen aber Fachkräfte: „Some experts are skeptical of startup efforts to solve what is more fundamentally a skilled labor shortage. ‚What we lack is real intelligence, which is generations of people we’ve lost who were capable of working with the real minerals,‘ said Corby Anderson, an expert in mineral processing at the Colorado School of Mines.„: https://www.wsj.com/business/silicon-valley-is-racing-to-make-critical-mineralsand-blunt-chinas-dominance-692390e3

Sözialmedien

Immerhin einmal haben es Ruth und ich heuer doch noch geschafft, eine Podcast-Folge aufzunehmen 🎙 – zu österreichischer Social Media Geschichte: diesmal geht’s um ameisen.cc, was das war und was daraus wurde 😊

Anzuhören auf Apple Podcasts, Spotify, überall anders und auf unserer Webseite:
https://erinnerungsluecken.at/2025/12/14/folge-34-was-wurde-aus-ameisen-cc/

Robotikrealitätscheck

Eigentlich ist das ja ein Artikel zu humanoider Robotik. Faktisch geht’s hier aber auch um Medien und den Bedarf nach gutem Wirtschaftsjournalismus. Gerade bei technologischen Hype-Themen (humanoide Roboter, alles rund um AI…) braucht es kritische Stimmen und fundierte Analysen – die sind aber zunehmend rar oder finanziell unter Druck.

Jedenfalls ist der Artikel sehr lesenswert. Der Autor beschreibt den Stand der Technik und Entwicklung humanoider Roboter, adressiert die Position der USA und Chinas (Stichwort: regionales Prozesswissen) und geht auf die Herausforderungen ein, die entstehen, wenn vermeintlich simple Aufgaben, z.B. im Haushalt, mit Technologie gelöst werden sollen.

https://harpers.org/archive/2025/12/kicking-robots-james-vincent-humanoids

via Web Curios

Druckerempfehlungsdruck

Nilay Patel, Chefredakteur von The Verge, gibt in Zeiten der Enshittification eine Produktempfehlung für Drucker ab und greift darin die Probleme von SEO und AI-generiertem Content auf.

Lesenswert, auch wenn man keinen akuten Druckerbedarf hat: https://www.theverge.com/tech/641940/best-printer-2025-just-buy-a-brother-laser-printer-middle-finger-in-the-air

Eigentumsdefinitionsfragen

Was bedeutet Eigentum, wenn Produkte nach dem Kauf digital verändert werden? Eine relevante Frage, wenn zunehmend Abomodelle & Co. verkauft werden. „ratgdo“ – Rage Against The Garage Door Opener – heißt ein Device, dessen Erfolg genau auf der Umgehung solcher Modelle beruht. Ein lesenswerter Artikel in der New York Times zum Device, der Gesamtsituation und der Bewegung für digitales Eigentum:

https://www.nytimes.com/2025/12/04/technology/personaltech/why-one-man-is-fighting-for-our-right-to-control-our-garage-door-openers.html

Informationsüberflutungskonsequenzen

Verblödet die Gesellschaft? Eine Perspektive liefert Lane Brown im New York Magazine. Als ein Problem beschreibt sie die permanente Informationsflut, in der wir uns befinden: „The unavoidable reality is that a massive decentralized swarm of people is now talking, arguing, and opining all at once, everywhere, all the time.“ – ich lese das ja als ein Plädoyer für die Nutzung von RSS-Readern.

Jedenfalls ein lesenswerter Artikel: https://nymag.com/intelligencer/article/american-adult-lower-iq-scores-cognitive-decline-technology-flynn-effect.html

via Web Curios

Digitalisierungssupport

Schon seit einiger Zeit bin ich für die Stadt Schwechat als „Digi-Dolmetscher“ tätig. Ein kleiner Erfahrungsbericht dazu ist jetzt online zu finden: https://www.digitalaustria.gv.at/kompetenzen/best-practices/spotlights/aus-der-praxis-eines-digi-dolmetschers.html

Zugverbindungen

Die sowieso immer lesenswerte Jana Wiese hat einen Artikel zur Funktionsweise von WLAN in Zügen verfasst. Informativ: https://futurezone.at/digital-life/wlan-im-zug-oebb-railjet-westbahn-mobilfunkanbieter-funkglas/403106490