Burggrabenpolitik

Spezialwissen in Nischen und darauf aufbauende Produkte sind Österreichs Burggräben im globalen Wettbewerb.

In einem Gastkommentar für den Falter habe ich diesen Gedanken ausformuliert. Im Umgang mit China und den USA muss uns in Europa bewusst sein, wo unsere wirtschaftliche Stärken liegen. Dort müssen wir ansetzen.

Ich freue mich über Feedback und Rückmeldungen aller Art. Hier der ganze Text:


Das Gold, das Wolfram heißt

Egal ob Reiselust, Aufrüstung oder der Traum von Datenzentren im Weltall: Die globale Luft- und Raumfahrtindustrie wächst. Der Markt braucht Rotorblätter, Flugzeugturbinen und Höhenruder – und dafür braucht er Wolfram. Dieses Metall abzubauen und zu verarbeiten, beherrschen weltweit nur wenige Unternehmen. Eines davon ist Plansee im Tiroler Außerfern. Die Produkte des Unternehmens sind international gefragt – selbst Apple bezieht dort Komponenten.

Plansee zeigt, was Betriebswirte einen „Moat“ nennen: einen Burggraben, der Konkurrenten auf Distanz hält. Je einzigartiger das Wissen eines Unternehmens, desto schwerer lässt es sich kopieren. Dasselbe gilt für Volkswirtschaften. Wer über schwer nachahmbare Fähigkeiten verfügt, behauptet sich im internationalen Standortwettbewerb. Österreich bringt dafür gute Voraussetzungen mit.

Solche Fähigkeiten entstehen nicht über Nacht. Sie wachsen dort, wo Unternehmen ihre Fertigung selbst beherrschen, Forschungseinrichtungen und Ausbildungsstätten Wissen weitergeben und weiterentwickeln und Fachkräfte sich über Unternehmensgrenzen hinweg austauschen. Aus diesem Zusammenspiel entsteht, was der Technologieanalyst Dan Wang „Prozesswissen“ nennt: regional verankertes Know-how, das sich nicht in Patenten oder Handbüchern festhalten lässt. Es steckt in Produktionsabläufen, Lieferketten und den Köpfen der Menschen. Es ist das praktische Kapital eines industriellen Ökosystems.

China liefert dafür eindrucksvolle Beispiele. Rund um Shenzhen hat sich eines der weltweit wichtigsten Zentren für die Elektronikfertigung entwickelt. Dass iPhones trotz geopolitischer Spannungen weiterhin dort produziert werden, ist kein Zufall. Über Jahrzehnte wurden mit gezielten Investitionen, Ausbildung und Infrastruktur tiefe Burggräben geschaffen. Auch darüber hinaus hat sich die chinesische Industrie regional spezialisiert: Aus Guizhou stammt jede siebte Gitarre, aus Guangdong rund 40 Prozent aller Mikrowellen. In diesen Clustern konkurrieren Unternehmen miteinander – und gemeinsam mit der Welt.

In der industriellen Fertigung verfügt China heute über enormes Prozesswissen. Im Digitalen nehmen die USA eine ähnliche Rolle ein. Ob Online-Werbung, Cloud-Infrastruktur oder Chipdesign: An den Plattformen von Google und Facebook, den Cloud-Angeboten von Amazon und Microsoft oder den von NVIDIA entwickelten Grafikprozessoren führt kaum ein Weg vorbei. Auch hier schützen tiefe Burggräben die Marktführer.

Was folgt daraus für Österreich? Die entscheidende wirtschaftspolitische Frage lautet: Worin liegt unser Vorsprung? Wo verfügen wir bereits über Prozesswissen – und wo lässt es sich weiter ausbauen?

Eine tragende Säule der österreichischen Wirtschaft ist die Industrie. Trotz aller Strukturdebatten gibt es hierzulande zahlreiche hochspezialisierte Unternehmen, die als „Hidden Champions“ Weltmarktführer in ihren Nischen sind. Sie machen Österreich zu einer erfolgreichen Exportnation. Dass das Harvard Growth Lab Österreich im Komplexitätsranking 2024 auf Platz 11 führt, ist wesentlich ihr Verdienst. Gemeinsam mit ihren Zulieferern, Forschungspartnern und Fachkräften bilden sie jene industriellen Netzwerke, aus denen Prozesswissen entsteht.

Besonders stark ist Österreich in der Metallverarbeitung, bei Kunststoffen oder im Maschinen- und Anlagenbau. Dieses Know-how zeigt sich im Spritzguss ebenso wie in der Bahnindustrie oder in Teilen der Mikroelektronik. Das Beispiel Wolfram macht diese Vernetzung sichtbar: Im Salzburger Mittersill baut Sandvik das Metall ab, im Kärntner Althofen verarbeitet die Treibacher Industrie AG es zu chemischen Erzeugnissen weiter. Die Fachkräfte werden vielfach selbst ausgebildet, wissenschaftliche Expertise liefert unter anderem die Montanuniversität Leoben. So entsteht metallurgisches Prozesswissen – österreichischer Prägung.

Viele dieser industriellen Stärken finden sich auch in der heuer vorgestellten Industriestrategie der Bundesregierung wieder. Gleichzeitig steht die Industrie unter Druck. Hohe Energiekosten, unsichere Rohstoffversorgung und gestiegene Lohnkosten schmälern die Spielräume für Investitionen.

Dennoch zeigt sich: Wo tiefes Prozesswissen vorhanden ist, wird weiterhin investiert. Siemens Energy baut seinen traditionsreichen Transformatorenstandort in der Steiermark aus, FACC erweitert seine Produktion im oberösterreichischen Innviertel. Solche Entscheidungen treffen international tätige Unternehmen aus vielen Gründen. Regional verfügbares Know-how gehört zu den wichtigsten.

Dasselbe gilt für junge Unternehmen. Wer an bestehende industrielle Stärken anknüpft, verbessert seine Erfolgschancen. Das Linzer Start-up Emmi AI, das kürzlich an das französische Unternehmen Mistral verkauft wurde, entwickelt derzeit Modelle für die Luftfahrt und den Spritzguss. Bestehendes Prozesswissen wird so nicht ersetzt, sondern erweitert. Innovation baut auf vorhandenen Burggräben auf.

Spezialwissen und Prozesswissen sind keine Selbstverständlichkeit. Sie müssen gepflegt und weiterentwickelt werden. Dazu gehören Investitionsanreize für Unternehmen ebenso wie der Schutz strategisch wichtiger Produktions- und Entwicklungsstandorte – etwa durch eine kluge Investitionskontrolle.

Gleichzeitig entstehen neue Stärkefelder. Was Österreich in der industriellen Produktion gelungen ist, ist auch im digitalen Raum möglich. Der Bedarf an digitaler Souveränität in Europa wächst kontinuierlich. Einige heimische Unternehmen sind dafür bereits gut positioniert. Öffentliche Beschaffung und gezielte wirtschaftspolitische Anreize können helfen, diese Märkte zu entwickeln.

Entscheidend bleibt jedoch der Faktor Mensch. Das duale Ausbildungssystem schafft jenes Know-how, das industrielle Ökosysteme zusammenhält. Dem Rückgang ausbildender Betriebe muss deshalb entgegengewirkt werden. Ebenso wichtig ist die enge Zusammenarbeit von Wissenschaft und Industrie. Sie gehört zu den großen Stärken des Standorts und sollte auch in Zeiten knapper Budgets nicht aufs Spiel gesetzt werden.

Europa diskutiert oft darüber, wo seine Chancen liegen. Österreich tut das ebenfalls. Die Antwort beginnt nicht bei den Schlagzeilen des nächsten Technologietrends, sondern bei den Fähigkeiten, die sich über Jahrzehnte entwickelt haben und sich nicht einfach kopieren lassen. Wer seine Burggräben kennt und weiter vertieft, schafft die Grundlage für künftigen Wohlstand. Nicht alles, was glänzt, ist Gold. Manchmal ist es Wolfram.