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China-Charakteristika

Der amerikanische Autor und Antitrust-Experte Matt Stoller hat eine lesenswerte Analyse zur chinesischen Technologiepolitik verfasst: https://www.thebignewsletter.com/p/the-efficiency-moat-why-china-is

Meine Takeaways kurz zusammengefasst:

  • China versucht, ein globales Monopol auf die Produktion physischer Güter aufzubauen, insbesondere im High Tech Bereich.
  • Der Fokus liegt nicht auf finanzieller Optimierung, sondern auf Prozessverbesserung, Wettbewerb und Investitionen. Der Schutz von geistigem Eigentum wird aktuell der Verbreitung von Wissen untergeordnet.
  • Rund um KI fehlt China der Zugang zur besten Hardware, daher arbeiten chinesische AI-Labs an permanenter Effizienzsteigerung – das führt dazu, dass chinesische Modelle im Performancevergleich mit den USA nur 3-6 Monate zurückliegen.

Den letzten Punkt hat der deutsche Technologieanalyst Philipp Klöckner auch heuer in seinem sehenswerten Talk beim OMR Festival angesprochen: chinesische KI-Modelle werden immer besser: https://www.youtube.com/watch?v=YNavwk7qk24

Für europäische Unternehmen heißt das, dass eigene Daten und firmenspezifisches Spezialwissen an Bedeutung gewinnen. In der produzierenden Industrie gibt es davon sehr viel: dieses Knowhow gilt es zu halten und auszubauen.
Den erfolgreichen Weg zwischen KI-Dominanz (im Westen) und Produktions-Dominanz im Osten zu finden, ist eine zentrale Herausforderung für die österreichische/europäische Wirtschaft.

Medienmacher

Andreas Sator hat die CEOs von Bluesky und Mastodon interviewt. Ein lesenswerter Einblick in die Sichtweisen alternativer, sozialer Medien: https://www.falter.at/zeitung/20260512/wir-sind-wie-vollkornbrot-aber-die-menschen-woll

Medienmargenmarginalisierung

Der Standard führt neue Online-Abos ein und beschränkt die kostenlosen Inhalte und Funktionen der Webseite. Die Aufregung ist ob der zentralen Rolle des Standard-Forums im österreichischen Online-Diskurs entsprechend groß: https://www.derstandard.at/story/3000000320010/der-standard-baut-digitales-abo-angebot-aus

Gleichzeitig hat Standard-Journalist Harald Fidler seinen Werbeindex aktualisiert. Das Werbevolumen auf digitalen Plattformen wächst, Werbeausgaben für klassische Medien stagnieren bzw. schrumpfen: https://www.diemedien.at/articles/articles-diemedien-werbeindex-osterreich-werbung-bei-digitalkonzernen-weit-vor-medien

Diese Entwicklung hat z.B. Martin Andree in seinem Buch „Big Tech muss weg!“ 2023 vorhergesagt: digitale Plattformen zerstören immer mehr die Finanzierungsgrundlage für Journalismus. Politische Gegenmaßnahmen sind notwendig.

Werbungswechsel

Das liberale US-Medium The American Prospect hat sich dazu entschieden, keine verhaltens- und profilbasierte Werbung mehr auf ihrer Webseite einzubinden.

Warum?
tl;dr: kein Bigtech-Support mehr, mehr Datenschutz und weniger Tracking, weniger Anreiz für Clickbait-Journalismus.

Lesens- und nachahmenswert: https://prospect.org/2026/04/06/why-were-removing-our-programmatic-ads/

Jethack

Je akuter die technologische Abhängigkeit, desto attraktiver wird Reverse Engineering.

Ein lesenswerter Artikel zu einer Aussage des holländischen Verteidigungsministers zum potenziellen Jailbreaking eines F-35-Jets und zu den ggf. dadurch entstehenden Konsequenzen: https://www.twz.com/air/f-35-software-could-be-jailbreaked-like-an-iphone-dutch-defense-minister

via Bruce Schneier

Digitalkonsumentenschutz

Enshittification“ beschreibt die Verschlechterung digitaler Services. Der norwegische Konsumentenschutz, Forbrukerrådet (Pendant zum österreichischen Verein für Konsumenteninformation VKI), hat das Thema kürzlich aufgegriffen und einerseits ein sehr unterhaltsames & sehenswertes Video dazu erstellt: https://vimeo.com/1168468796 – andererseits haben sie auch einen 100 Seiten starken Bericht, „Breaking Free“, veröffentlicht: https://www.forbrukerradet.no/breakingfree

Der Bericht ist lesenswert, vor allem wegen der zahlreichen Beispiele: IT-Unternehmen, Kundendienst, Automobilbranche, Computerspiele, Smart Home, Drucker, Dating Apps… die Liste ist lang und konkret. Der Bericht liest sich als eine Abrechnung des Konsumentenschutzes mit digitalen Geschäftsmodellen. Die Unehrlichkeit vieler Angebote ist den Autor:innen ein Dorn im Auge.
Die beschriebenen Gegenmaßnahmen: technische Interoperabilität, die Förderung von Alternativen (insbesondere Open Source Software und insbesondere über die öffentliche Beschaffung), starke Wettbewerbsbehörden (in Österreich die Bundeswettbewerbsbehörde BWB) mit entsprechenden Antitrust-Maßnahmen und die Rechtsdurchsetzung, vor allem auf EU-Ebene, z.B. rund um den Digital Markets Act. Es braucht also ein ganzes Puzzle an Maßnahmen und viele „kleine“ Schritte, um Digitalisierung & Internet (wieder) zu verbessern.

Die Perspektive des Konsumentenschutzes ist eine zentrale. Gleichzeitig steckt in einem besseren Internet auch viel wirtschaftliches Potenzial. Wie das aussehen und volkswirtschaftlich genutzt werden könnte, skizziert Cory Doctorow, Erfinder des Worts „Enshittification“, in einem ebenfalls lesenswerten Artikel am Beispiel Kanada. Die beschriebene Vorgehensweise kann genauso eine Inspiration für Europa sein: https://pluralistic.net/2026/01/12/disenshittification-nation-2/

via Zentrum für Digitalrechte und Demokratie

KI: Konsequenzen immanent

Der xkcd-Comic zum Internet Stack (Bild unten; Quelle: https://xkcd.com/2347/) verdeutlicht seit Jahren die Situation vieler Open Source Projekte. Künstliche Intelligenz scheint nun die Fragilität der verschiedenen Projekte weiter zu erhöhen:

▶️ Einerseits steigt durch „AI Slop“ und durch auf Bug Bounties ausgerichtete Agents die Belastung für bestehende Projekte, mit der Konsequenz, dass es potenziell weniger Anreize gibt, echte Security-Probleme zu identifizieren – zu sehen z.B. bei Log4j, nachzulesen u.a. hier: https://www.derstandard.at/story/3000000310498/open-source-projekt-klagt-ueber-massive-belastung-durch-ki-muell

▶️ Andererseits führen Vibe Coding und die KI-gestützte Beantwortung von Fragen zur Dokumentation potenziell zu Schwierigkeiten beim Geschäftsmodell vieler Softwareprojekte, da Anwender:innen mit Entwickler:innen weniger direkt interagieren – zu sehen z.B. bei Tailwind CSS, nachzulesen u.a. hier: https://www.leitmedium.de/2026/01/09/das-drohende-ende-von-opensource-projekten-durch-llms-am-beispiel-von-tailwind/

Für die Weiterentwicklung von Open Source Software, die u.a. auch im Produktionskontext zum Einsatz kommt, kann das ein echtes Problem werden.

Falls jemand schon Beispiele mit direktem Industriebezug kennt, freue ich mich über eine Info!

Mülleinfuhr

„AI Slop“, KI-generierter Müll, nimmt im Internet massiv zu – auf sozialen Medien, in Foren, auf Videoplattformen etc.

Warum passiert das? Aufmerksamkeit ist die Währung des Internets. Wer Klicks generiert, verdient damit Geld.

Die Konsequenz: für ernstzunehmende Medien, Redaktionen, Blogs, usw. wird es noch schwerer, im Überangebot an Content durchzukommen und sich zu finanzieren. Ein zunehmendes Problem für unsere Gesellschaft.

Dazu eine sehenswerte Diksussion im c’t Magazin: https://www.heise.de/news/KI-Muell-flutet-das-Internet-c-t-uplink-11183867.html

Szenendiskussion

Die ganze Woche schon wird auf Social Media der Einstieg von Peter Steinberger (OpenClaw) bei OpenAI heiß diskutiert. In den meisten Fällen dominiert die Einseitigkeit („Unternehmer werden in Europa mit Füßen getreten„, „Wieder ein Startup Bro, dem Sicherheit egal ist„, etc.). Eine nicht einseitige und hörenswerte Einordnung machen dafür Jakob Steinschaden und Clemens Wasner in ihrem „AI Talk“: https://www.trendingtopics.eu/steinberger-kontroverse/

Too long; didn’t listen:

  • Beim Fall Steinberger geht es weniger um Startups als um Open Source Softwareentwicklung; der Abgesang auf Europa durch seinen Jobwechsel ist fehl am Platz.
  • Das ORF-Interview bei Armin Wolf war kritisch und das ist auch die Aufgabe der Zeit im Bild; gleichzeitig gibt es in Österreich ein Problem zu Technologiebildung.
  • Österreich und Europa sind im Open Source Bereich gut aufgestellt; die Unterstützung für Unternehmen und Geschäftsmodelle ist aber zu gering, häufig bleiben nur Lippenbekenntnisse.

Ergänzung von meiner Seite: im politischen Diskurs steht bei Open Source meistens die öffentlichen Verwaltung im Mittelpunkt. Das ist schon wichtig, aber der potenzielle wirtschaftliche Hebel und die Wertschöpfung durch entsprechende Geschäftsmodelle sind mindestens so relevant. Unser Zugang dazu muss sich ändern, denn gerade im Umfeld der Produktion („Rückgrat der Wirtschaft“, „Hidden Champions“ usw.) gäbe es hier sehr viele Möglichkeiten.