Beiträge

Diffusionspotenzial

Eric Frey hat einen lesenswerten Kommentar zur österreichischen Industrie verfasst: https://www.derstandard.at/story/3000000326948/was-oesterreichs-industrie-von-der-ukraine-lernen-kann

Anders ausgedrückt: Hypes, wie derzeit rund um KI, werden tendenziell überschätzt, iterative Innovationen und die Bedeutung der Diffusion von Technologie in die Breite tendenziell unterschätzt.

Erstindustrialisierungsanreiz

Gestern haben Bundesminister Wolfgang Hattmannsdorfer, Bundesminister Peter Hanke und Staatssekretär Sepp Schellhorn eine erste Zwischenbilanz zur österreichischen Industriestrategie gezogen.

Dabei wurde auch eine Maßnahme für industrielle Prototypen und Pilotanlagen vorgestellt: die Förderung „Industrie Schlüsseltechnologien – Leitbetriebe 2030″ soll Anreize für die Erstindustrialisierung neuer Produkte schaffen. Forschungsergebnisse sollen rund um die in der Industriestrategie genannten Schlüsseltechnologien in konkrete Produkte münden, die auch in Österreich hergestellt werden. 18. Mio. € stehen zur Verfügung, max. 3 Mio. pro Projekt.

Das ist eine wichtige Initiative. Denn: Österreich investiert viel in Forschung & Entwicklung, beim Transfer von F&E-Knowhow in die industrielle Praxis haben wir aber noch Luft nach oben. Die Förderung setzt genau dort an.

Auch in Zeiten des Sparens braucht es Investitionsanreize, insbesondere wenn dadurch langfristig Wertschöpfung generiert wird. In der Förderung werden gesicherte und neu geschaffene Arbeitsplätze explizit als Indikatoren für die Mittelvergabe genannt.

Man muss auch zwischendurch loben, wenn etwas Positives passiert – ich hoffe, dass die Förderung ein kleiner Anreiz für Industriebetriebe (& solche, die es werden wollen) ist, über die Ausweitung der Produktion in Österreich nachzudenken.

Link zur „Industriestrategie Österreich 2035„, deren Entwicklung ich in meiner beruflichen Tätigkeit begleiten durfte.

China-Charakteristika

Der amerikanische Autor und Antitrust-Experte Matt Stoller hat eine lesenswerte Analyse zur chinesischen Technologiepolitik verfasst: https://www.thebignewsletter.com/p/the-efficiency-moat-why-china-is

Meine Takeaways kurz zusammengefasst:

  • China versucht, ein globales Monopol auf die Produktion physischer Güter aufzubauen, insbesondere im High Tech Bereich.
  • Der Fokus liegt nicht auf finanzieller Optimierung, sondern auf Prozessverbesserung, Wettbewerb und Investitionen. Der Schutz von geistigem Eigentum wird aktuell der Verbreitung von Wissen untergeordnet.
  • Rund um KI fehlt China der Zugang zur besten Hardware, daher arbeiten chinesische AI-Labs an permanenter Effizienzsteigerung – das führt dazu, dass chinesische Modelle im Performancevergleich mit den USA nur 3-6 Monate zurückliegen.

Den letzten Punkt hat der deutsche Technologieanalyst Philipp Klöckner auch heuer in seinem sehenswerten Talk beim OMR Festival angesprochen: chinesische KI-Modelle werden immer besser: https://www.youtube.com/watch?v=YNavwk7qk24

Für europäische Unternehmen heißt das, dass eigene Daten und firmenspezifisches Spezialwissen an Bedeutung gewinnen. In der produzierenden Industrie gibt es davon sehr viel: dieses Knowhow gilt es zu halten und auszubauen.
Den erfolgreichen Weg zwischen KI-Dominanz (im Westen) und Produktions-Dominanz im Osten zu finden, ist eine zentrale Herausforderung für die österreichische/europäische Wirtschaft.

Zeitungskaufempfehlung

Shoutout für den Standard mit der aktuellen Wochenendausgabe. Schwerpunkt ist die europäische Wirtschaft und deren Zukunft – mit einigen wirklich gelungenen Beiträgen.

Eine nicht vollständige Auswahl:

  • Zahlen und Fakten zu Europas Forschung & Entwicklung, mit zahlreichen Beispielen, u.a. aus der Batterieforschung, der Stahlproduktion (voestalpine in Kapfenberg) oder zu Schweden als Innovations-Vorreiter (vor Jahren habe ich bei der FFG einen Austausch mit Schweden zu Digitalisierung initiiert; das Ergebnis findet sich noch immer online)
  • Ein optimistisches und gleichzeitig kritisches und daher sehr lesenswertes Interview zur wirtschaftlichen Lage mit Mario Holzner vom Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw), u.a. zur wichtigen Rolle von Energie für die europäische Industrie
  • Beiträge zu Mistral AI & Emmi AI und zu weiteren europäischen Firmen rund um AI (inkl. obligatorischem Linz-beginnt’s-Schmäh in der Headline 😏)
  • Eine Analyse zum „China Shock 2.0“ von Andras Szigetvari – das Thema China beschäftigt mich beruflich schon seit einiger Zeit. Das in der Analyse beschriebene Dilemma und die Forderung nach aktiver europäischer Industriepolitik ist ein wesentlicher Aspekt, den wir in dem Zusammenhang bei der Plattform Industrie 4.0 immer wieder diskutieren.
  • Verschiedene Artikel zu österreichischen „Hidden Champions“ mit ordentlichen Beschreibungen zu deren Schwerpunkten. Solche Firmen sichern unseren Wohlstand. Mit dabei einige wichtige Industriebetriebe, z.B. Bachmann, Bauer, TSA, Treibacher oder Silhouette

Ich beklage mich oft über die in Österreich viel zu oberflächliche Berichterstattung zu Industrie, Wirtschaftspolitik & Co. Diese Zeitung ist eine wirklich gelungene Abwechselung.

Daher eine große Kaufempfehlung meinerseits. Gerne mehr davon! 💪📰

Titelseite Der Standard, 30. Mai 2026

Vibesecurity

IT-Security-Ikone Bruce Schneier hat kürzlich in einem lesenswerten Artikel seine Perspektive zu KI & Security niedergeschrieben: https://www.schneier.com/blog/archives/2026/04/cybersecurity-in-the-age-of-instant-software.html

tl;dr:

  • AI verstärkt Angreifende und Verteidigende, da beide Seiten automatisiert Schwachstellen finden können.
  • Für die verteidigende Seite bietet KI potenziell mehr Vorteile: Schwachstellen könnten automatisiert identifiziert werden, ihre Behebung kann Teil des regulären Softwareentwicklungsprozesses werden.
  • Die Möglichkeit für Patches und Updates ist zentral: „If the defense can find, but can’t reliably patch, flaws in legacy software, that’s where attackers will focus their efforts.
  • Optimistische Zukunftsszenarien erfordern die Zusammenarbeit und Bündelung finanzieller & personeller Ressourcen, z.B. um Sicherheitslücken KI-gestützt aufzuspüren.

Für den produzierenden Bereich ergeben sich aus meiner Sicht einige Implikationen:

  • Die zunehmende Verschmelzung von IT & OT erfordert steigende Softwarequalität. Beim IIoT war Security nicht immer prioritär. Das wird sich (schnell) ändern müssen.
  • Die Software Bill of Materials wird wohl an Bedeutung gewinnen: das langfristige Wissen darüber, welche Software-Bausteine, Frameworks & Co. in der Produktion im Einsatz sind, ist essenziell.
  • Last but not least: der Bedarf nach firmenübergreifender Kooperation nimmt zu. Das ist kulturell nicht immer einfach, aber nur gemeinsam kann man ausreichend Ressourcen mobilisieren, um Sicherheitslücken proaktiv zu finden und zu beheben.

made in China

Ein lesenswerter Artikel des französischen Unternehmers Robin Rivaton über chinesische Industriepolitik: https://www.project-syndicate.org/commentary/china-manufacturing-success-depend-on-industrial-density-by-robin-rivaton-2026-02

Die Kernaussagen aus meiner Sicht:

  •  Regionale Zentren mit hoher Industriedichte spielen eine wesentliche Rolle. Kompetenzaufbau, iterative Verbesserungen und schlussendlich Innovationen entstehen durch den Austausch und die Interaktion in den Industrieclustern. Der Aufbau robuster, industrieller Ökosysteme dauert Jahre.
  • Kapital wird in China durch eine Mischung aus Fremdkapital und eigenkapitalähnlichen, öffentlichen Mitteln bereitgestellt. Das führt zu wenig Fokus auf Shareholder Value, gleichzeitig zu großer Toleranz für langfristig niedrige Renditen.
  • Im Technologiebereich fokussiert man seit 2018 die Stärkung von „Little Giants“. Damit gemeint sind tausende Unternehmen mit hohem Spezialisierungsgrad, F&E-Engagement und mit vielen Patenten. Sie werden gezielt unterstützt, abseits von Förderungen z.B. durch gezielte Nachfragepolitik.

Eine ähnliche Perspektive vertritt Dan Wang in seinem Buch „Breakneck“ (große Leseempfehlung! Gibt’s z.B. hier): Fertigungskompetenz und Prozesswissen sind zentral, die Fähigkeit zu „bauen“, zu entwickeln und umzusetzen, ist wesentlich für die volkswirtschaftliche Entwicklung Chinas – wie auch für den „Westen“.

Was heißt das für Österreich, insbesondere für die produzierende Industrie in Europa?

Meine Sichtweise: In den Bereichen, in denen wir über differenzierendes Knowhow und bestehende Industriecluster verfügen, sollten wir uns bemühen, diese zu halten und Forschung & Entwicklung zu forcieren – ich denke z.B. an die spezialisierte Halbleiter-Fertigung, den Spritzguss oder große Teile der Metallverarbeitung. „Little Giants“ sind das, was wir in Österreich gerne „Hidden Champions“ nennen. Diese Unternehmen und die mit ihnen verbundenen Kompetenzen zu unterstützen und auszubauen, mit AI & Co. anzureichern, wäre ein wichtiges Ziel. Außerdem brauchen innovative Unternehmen, bestehende und neue, geduldiges Kapital für langfristige Investitionen – gerade auch, wenn Firmen und ihre Geschäftsmodelle kein klassischer Fall für Venture Capital Investments sind.

Freue mich über Rückmeldungen, bestärkende oder abweichende Gedanken. Ich finde es wichtig, Industriepolitik breit zu diskutieren.

Industrietourismus

100.000 Personen haben in China an einer Lotterie teilgenommen – für einen Platz in einer von 200 Werksführungen bei der Elektroauto-Produktion von Xiaomi. „The Hardest Reservation in China Is a Factory Tour“ titelt das Wall Street Journal: https://www.wsj.com/lifestyle/travel/the-hardest-reservation-in-china-is-a-factory-tour-3df0d4cc

Moderne Produktionsanlagen – mit Robotik, Automatisierung, Digitalisierung etc. – sind beeindruckend, auch in Europa. Nationale und mediale Aufmerksamkeit erhalten sie hierzulande aber selten. Ich denke, wir müssen auch in Österreich mehr zeigen, wie Industrie heute aussieht, welche Technologien zum Einsatz kommen und wie Produkte entstehen. Tage der offenen Tür, Werksführungen, etc. sind dafür wichtig, viele Menschen waren noch nie in einer Fabrik.

Ein Positivbeispiel: Diese Woche habe ich an einer Besichtigungstour in der voestalpine in Linz teilgenommen. Wenn man in einem Warmwalzwerk glühenden Stahlbrammen mit >1000°C bei ihrer Verarbeitung zusehen kann, dann ist man selbst als produktionsaffiner Mensch fasziniert.

Der Bus in Linz war übrigens fast voll. An einem Mittwoch Vormittag. Ein gutes Zeichen.

Szenendiskussion

Die ganze Woche schon wird auf Social Media der Einstieg von Peter Steinberger (OpenClaw) bei OpenAI heiß diskutiert. In den meisten Fällen dominiert die Einseitigkeit („Unternehmer werden in Europa mit Füßen getreten„, „Wieder ein Startup Bro, dem Sicherheit egal ist„, etc.). Eine nicht einseitige und hörenswerte Einordnung machen dafür Jakob Steinschaden und Clemens Wasner in ihrem „AI Talk“: https://www.trendingtopics.eu/steinberger-kontroverse/

Too long; didn’t listen:

  • Beim Fall Steinberger geht es weniger um Startups als um Open Source Softwareentwicklung; der Abgesang auf Europa durch seinen Jobwechsel ist fehl am Platz.
  • Das ORF-Interview bei Armin Wolf war kritisch und das ist auch die Aufgabe der Zeit im Bild; gleichzeitig gibt es in Österreich ein Problem zu Technologiebildung.
  • Österreich und Europa sind im Open Source Bereich gut aufgestellt; die Unterstützung für Unternehmen und Geschäftsmodelle ist aber zu gering, häufig bleiben nur Lippenbekenntnisse.

Ergänzung von meiner Seite: im politischen Diskurs steht bei Open Source meistens die öffentlichen Verwaltung im Mittelpunkt. Das ist schon wichtig, aber der potenzielle wirtschaftliche Hebel und die Wertschöpfung durch entsprechende Geschäftsmodelle sind mindestens so relevant. Unser Zugang dazu muss sich ändern, denn gerade im Umfeld der Produktion („Rückgrat der Wirtschaft“, „Hidden Champions“ usw.) gäbe es hier sehr viele Möglichkeiten.

Produktionsknowhowerweiterung

Alltagsgegenstände fallen nicht auf. In deren Design und Produktion stecken allerdings oft Jahrzehnte an Entwicklungsarbeit. Ein lesenswerter Blogpost zur Entwicklungs- und Produktionsgeschichte von Plastikflaschen – der Artikel zeigt, wie viel Prozess-Knohow notwendig ist, um Güter des täglichen Bedarfs zu optimieren und dadurch Ressourcen einzusparen:

https://www.lumafield.com/first-article/posts/evolution-of-the-plastic-bottle

via Web Curios

China Shock 2.0

Ein lesenswerter Beitrag zum Problem der Überkapazitäten Chinas in der Industrieproduktion. 24% der chinesischen Industriebetriebe produzierten laut Artikel 2025 defizitär – die Unternehmen werden aber subventioniert, ihre Produkte, z.B. Autos und Solarpaneele, landen zu Billigstpreisen u.a. am europäischen Markt, wo täglich bis zu 500 Produktionsjobs verloren gehen.

https://merics.org/en/comment/chinas-overcapacity-threatens-reshuffle-global-industrial-bases