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Mangelersch-AI-nungen

Rund um Künstliche Intelligenz sind talentierte Entwicklerinnen und Entwickler das A und O.

Interface (ehemals Stiftung Neue Verantwortung) hat sich angesehen, wie viele KI-Fachkräfte es in Europa gibt und wie viele davon Frauen sind.

Das Ergebnis der Studie ist für Österreich leider sehr schlecht: in der Auswertung haben wir sowohl die wenigsten Fachkräfte als auch den geringsten Frauenanteil in Europa. Empfohlen werden politische Interventionen, um hier gegenzusteuern.

Die gesamte Analyse ist hier zu finden: https://www.interface-eu.org/publications/ai-gender-gap

Produktpasspolitik

In meiner beruflichen Rolle habe ich in einem kurzen Kommentar die Mitwirkungsmöglichkeiten rund um den „Digitalen Produktpass“ beschrieben:

Digitaler Produktpass: Europäische Industriepolitik ist mitgestaltbar.

Vom AI Act bis hin zum viel diskutierten Renaturierungsgesetz: die letzte Amtsperiode der europäischen Kommission war geprägt von einer Vielzahl an Regulierungen. Zähe Verhandlungen und hart errungene Kompromisse waren dabei ein ständiger Begleiter.

Ursula von der Leyen leitet nun für weitere fünf Jahre die EU-Kommission. Es ist trotz veränderter geopolitischer Lage davon auszugehen, dass die Ergebnisse der letzten fünf Jahre von der neuen alten Kommissionspräsidentin wohl nicht über Bord geworfen werden. Im Gegenteil: viele der beschlossenen Rechtsakte kommen demnächst erst zur Anwendung.

Für Österreichs wichtige produzierende Industrie sind z.B. das Datengesetz, die Lieferkettenrichtlinie oder die neue Ökodesignverordnung hochrelevant. Als Rechtsakte sind sie alle bereits in Kraft, konkrete Verpflichtungen für Unternehmen werden in den kommenden Jahren Schritt für Schritt erarbeitet und eingeführt. Sehr viel ist hier noch offen.

Ökodesignverordnung und Digitaler Produktpass

Beispielsweise zielt die neue Ökodesignverordnung (Ecodesign for Sustainable Products Regulation, ESPR) darauf ab, europäische Produkte nachhaltiger zu gestalten und die vielbeschworene Kreislaufwirtschaft in der Praxis umzusetzen. Batterien, Textilien, Baustoffe, etc. – unterschiedliche Produktkategorien sollen mit Hilfe der ESPR umweltfreundlicher werden. Über Jahre wurde verhandelt, am 18. Juli ist die ESPR in Kraft getreten. Ihre volle Gültigkeit entfaltet die Regelung jedoch erst in den nächsten Jahren.

Ein zentrales Element für die Umsetzung der ESPR wird der Digitale Produktpass (DPP) bilden. Mit dessen Hilfe sollen über den Lebenszyklus eines Produkts relevante Daten ausgetauscht werden, vom Hersteller bis zum Entsorgungsunternehmen. Im DPP verschiedener Produkte – eines Handyakkus, eines Pullovers, eines Kühlschranks etc. – sollen z.B. Informationen zu den verarbeiteten Materialien gespeichert werden und langfristig z.B. Reparatur- oder Recycling-Unternehmen die Verwertung der Bestandteile erleichtern. 2027 sind die ersten verpflichtenden Produktpässe geplant.

Um diese Zielsetzung einzuhalten, sind noch viele Schritte notwendig. Einerseits muss festgelegt werden, wie der Digitale Produktpass technisch umgesetzt wird. Chips, Barcodes oder Formate für die Datenspeicherung werden eine wichtige Rolle spielen. Mit diesen Themen beschäftigt sich derzeit die europäische Standardisierung bei CEN-CENELEC. Andererseits muss für die sehr verschiedenen Produktkategorien entschieden werden, welche Daten wie erfasst werden sollen. Bei Baustoffen sind andere Kriterien oder Speichermedien relevant als bei Elektrogeräten.

Spielraum bei Details, Mitwirkung erwünscht

Doch was ist die Grundlage für die Daten im DPP – wie kommen EU-Beamte zu Informationen?

Zum einen können Vertreterinnen aus Industrie, Wissenschaft oder Verbänden in branchenspezifischen Workshops ihre Wünsche, Bedenken und Überlegungen einbringen. Aktuell finden Workshops zu Eisen- und Stahl-Produkten sowie zu Textilien statt. Zum anderen wird in Kürze das so genannte Ökodesign Forum als Expertengruppe der Kommission aufgesetzt. Für dieses Ökodesign Forum können sich interessierte Personen bewerben, um die produktgruppenspezifischen Eigenheiten des DPP mitzugestalten.

Durch Interaktion mit der EU-Kommission können Unternehmen, wissenschaftliche Einrichtungen, NGOs etc. den DPP mitgestalten und sicherstellen, dass die Umsetzung möglichst praktikabel erfolgt. Es ist im Interesse der Politik, dass Regularien nicht als belastende Bürokratie empfunden werden. Im Gegenteil: im Optimalfall sollen Regularien wie die ESPR der europäischen Wirtschaft neue Chancen und Möglichkeiten bieten.

Europäische Regularien brechen nicht sintflutartig über die Wirtschaft herein. Österreichische Stakeholder können die europäische Industriepolitik mitgestalten, die Umsetzung der ESPR zeigt das beispielhaft. Kammern, Verbände und wissenschaftliche Einrichtungen bieten Unterstützung für interessierte Firmen. Diese müssen sich nur einbringen.

Wahlprozesswünsche

Der Österreichischer Gemeindebund fordert E-Voting in Österreich.

Zum Thema elektronische Wahl haben 20 Security-Expertinnen und -Experten – darunter z.B. Andrew Appel und Bruce Schneier – im Frühjahr diesen Jahres eine Empfehlung verfasst.

tl;dr: E-Voting kann Vertrauen senken und Security-Probleme verursachen. Besser Papier.

Zwei Auszüge daraus:

Technology introduces the means of efficient tabulation, but also introduces a manifold increase in complexity and sophistication of the process. This places the understanding of the process beyond the average person’s understanding, which can foster distrust. It also opens the door to human or machine error, as well as exploitation by sophisticated and malicious actors.

Hand-marked paper ballots should be the primary means of recording votes. Each polling-place voter, except those who request to use a BMD because they have difficulty marking a paper ballot by hand, should vote by marking by hand an optically scannable paper ballot. Ballot Marking Devices used as assistive devices should print a paper ballot identical in size and format to hand-marked paper ballots.

Handelsschwund

Der analoge Handel geht immer weiter zurück, medial wird über diese Gesamtentwicklung – abseits von glamourösen Ausnahmen wie der Mariahilfer Straße – aber nur selten berichtet.

Lesenswert: https://excitingcommerce.de/2024/08/26/10-jahre-todesliste-weltbild-esprit-depot-und-andere-machen-den-weg-frei

via neunetz.com

Regionaldigitalisierung

Gemeinsam mit den Wirtschafts- und Standortagenturen der österreichischen Bundesländer erstelle ich in meiner beruflichen Funktion regelmäßig Steckbriefe, die die österreichische Angebote zu Digitalisierung & Industrie 4.0 auf regionaler Ebene zusammenfassen. Die Steckbriefe beinhalten u.a. Informationen zu Ansprechpersonen, Förderungen, Kompetenzzentren oder Flagship-Projekten.

Seit kurzem ist die 11. Version der Steckbriefe online: https://plattformindustrie40.at/blog/2024/09/03/digitalisierung-und-industrie-4-0-in-oesterreichs-regionen/

tl;dr-isierung

Zusammenfassungen sind ein Haupteinsatzgebiet aktueller KI-Modelle. Ein lesenswerter Artikel dazu, wo das Sinn macht und wo nicht: https://nymag.com/intelligencer/article/chatgpt-gmail-apple-intelligence-ai-summaries.html

Softwaresicherheitsmängel

Vor drei Wochen verursachte ein fehlerhaftes Software-Update bei CrowdStrike den Ausfall zahlreicher Windows-Rechner. Die Konsequenzen waren global spürbar, in Österreich kam es u.a. zu Flugausfällen, zu Störungen in Krankenhäusern und zu Einschränkungen im Bankenbereich.

Zwei lesenswerte Artikel zum Thema:

1) Der Security-Experte Bruce Schneier schreibt über notwendige Crashtests und den Bedarf nach mehr Ineffizienz in der Software-Entwicklung, um zerbrechliche Systeme zu vermeiden: https://www.schneier.com/blog/archives/2024/07/the-crowdstrike-outage-and-market-driven-brittleness.html

2) Der Technologie-Blogger Ed Zitron beschreibt die Probleme falscher Anreize im Silicon Valley: wenn die Jagd nach Monopol-Renten zum Haupttreiber wird, dann leidet nicht nur bei Boeing sondern auch im IT-Bereich die Qualitätssicherung: https://www.wheresyoured.at/crowdstruck-2/

Ausfallwahrscheinlichkeiten

Wir fantasieren zu viel über die zukünftigen Auswirkungen von AI und beschäftigen uns zu wenig mit der Anfälligkeit existierender IT-Infrastruktur.

Ein lesenswerter Artikel zum Crowdstrike-Dilemma: https://www.nytimes.com/2024/07/20/technology/crowdstrike-microsoft-outage-software.htmlvia Smart Casual

Outsourcingkonsequenzen

In meiner Kolumne für das Factory-Magazin schreibe ich über die „digitale Fertigungstiefe“ in der Produktion: https://factorynet.at/menschen/outsourcing-die-digitale-fertigungstiefe-als-strategische-entscheidung/

Outsourcing: die digitale Fertigungstiefe als strategische Entscheidung

„Pfusch am Bau“ ist eine beliebte Fernsehsendung. Im Mittelpunkt stehen Probleme beim Hausbau, rund um Wasser in der Wand, minderwertige Materialien etc. Quelle der Versäumnisse sind häufig scheinbar günstige (Sub-)Unternehmen, die an der falschen Stelle sparen und Häuslbauer, die das nicht beurteilen können.

Immer wieder: Make-or-Buy?

Selber machen oder externe Leistungen zukaufen? Diese Frage beschäftigt nicht nur österreichische Häuslbauer. Die Suche nach der richtigen Balance aus eigenem und zugekauftem Knowhow findet sich in der Industrie im Konzept der Fertigungstiefe. Sie misst den Anteil der Eigenfertigung am gesamten Produktionsprozess.

Produzierende Unternehmen müssen laufend und strategisch entscheiden, wie hoch die eigene Fertigungstiefe sein soll. Dabei gibt es kein eindeutiges Richtig oder Falsch. Industrieunternehmen, die viel selbst fertigen, sind in wirtschaftlich schwierigen Zeiten oft resilienter. Solche, die viel outsourcen, sind oft flexibler. Die Tatsache, dass die OEMs der Automobilindustrie ihre Fertigungstiefe reduzierten, bildet die Grundlage für die wichtige österreichische Zulieferindustrie.

Mit der Plattform Industrie 4.0 haben wir kürzlich eine Roadmap veröffentlicht, in der u.a. die Wichtigkeit des Domänenwissens am Industriestandort Österreich betont wird. Damit gemeint ist das betriebsinterne Wissen zur Herstellung von Produkten und zu Produktionsprozessen. Ist die Fertigungstiefe in einem Bereich besonders ausgeprägt, dann ist zumeist auch viel spezifisches Domänenwissen vorhanden – Betriebe haben in der Folge ein Alleinstellungsmerkmal.

Outsourcing im OT- und IT-Bereich

Wie sieht die Situation rund um Industrie 4.0 aus? Steuerungen, Sensoren, digitale Messtechnik, Roboter, AGVs etc. – sie sind aus der Produktion, dem OT-Bereich, nicht mehr wegzudenken. Viele österreichische Firmen haben daher beschlossen, solche Systeme selbst herzustellen und als Produkte anzubieten. Zwei Beispiele: die Anlagenbauer von Andritz bieten selbst Automatisierungslösungen an, der Automatisierungsspezialist Beckhoff entwickelt in Wien seit kurzem eigene Roboter.

Auch Datenbanken, digitale Zwillinge oder innovative Softwarelösungen sind in der Produktion weit verbreitet. Und auch im IT-Bereich gibt es produzierende Unternehmen, die selbst weitgehende Lösungen entwickeln, z.B. die steirische AVL in der Automobilindustrie.

Aktuell beschäftigt die Frage nach der „digitalen Fertigungstiefe“ zahlreiche Firmen im Bereich der IT-Infrastruktur. Hybride Cloudumgebungen – eine Mischung aus eigenem Rechenzentrum und öffentlicher Cloud – verbreiten sich zunehmend. Vorteilen wie der Skalierbarkeit oder der Verfügbarkeit öffentlicher Cloud-Systeme stehen Security-Fragen oder einseitige Abhängigkeiten gegenüber. Dabei gilt wie immer: nicht alles, was glänzt, ist Gold. „Serverless Computing“ funktioniert nicht ohne Server und Kostenvorteile können sich umkehren, wie das Beispiel des IT-Unternehmens Basecamp zeigt.

In jedem Fall: Kompetenz benötigt

Gerade wenn es darum geht, das vorhandene Domänenwissen mit IT-Knowhow anzureichern und auszubauen, ist der Aufbau entsprechender Teams notwendig. Das betrifft heute z.B. das Thema der praktisch sinnvollen Datennutzung oder den zunehmend wichtigen Bereich der IT-Sicherheit. Eigene, kompetente IT-Mitarbeiter:innen sind selbst dann notwendig, wenn externe Expertise zugekauft wird.

Natürlich gilt auch im digitalen Raum, dass es per se kein Richtig oder Falsch rund um Outsourcing gibt. Es gilt jedoch: trotz Auslagerung braucht die Industrie das Knowhow, um die Steuerung ihrer Auftragnehmer und die Qualitätskontrolle sicherzustellen. Pfusch ist nicht nur am Bau langfristig teuer.