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made in China

Ein lesenswerter Artikel des französischen Unternehmers Robin Rivaton über chinesische Industriepolitik: https://www.project-syndicate.org/commentary/china-manufacturing-success-depend-on-industrial-density-by-robin-rivaton-2026-02

Die Kernaussagen aus meiner Sicht:

  •  Regionale Zentren mit hoher Industriedichte spielen eine wesentliche Rolle. Kompetenzaufbau, iterative Verbesserungen und schlussendlich Innovationen entstehen durch den Austausch und die Interaktion in den Industrieclustern. Der Aufbau robuster, industrieller Ökosysteme dauert Jahre.
  • Kapital wird in China durch eine Mischung aus Fremdkapital und eigenkapitalähnlichen, öffentlichen Mitteln bereitgestellt. Das führt zu wenig Fokus auf Shareholder Value, gleichzeitig zu großer Toleranz für langfristig niedrige Renditen.
  • Im Technologiebereich fokussiert man seit 2018 die Stärkung von „Little Giants“. Damit gemeint sind tausende Unternehmen mit hohem Spezialisierungsgrad, F&E-Engagement und mit vielen Patenten. Sie werden gezielt unterstützt, abseits von Förderungen z.B. durch gezielte Nachfragepolitik.

Eine ähnliche Perspektive vertritt Dan Wang in seinem Buch „Breakneck“ (große Leseempfehlung! Gibt’s z.B. hier): Fertigungskompetenz und Prozesswissen sind zentral, die Fähigkeit zu „bauen“, zu entwickeln und umzusetzen, ist wesentlich für die volkswirtschaftliche Entwicklung Chinas – wie auch für den „Westen“.

Was heißt das für Österreich, insbesondere für die produzierende Industrie in Europa?

Meine Sichtweise: In den Bereichen, in denen wir über differenzierendes Knowhow und bestehende Industriecluster verfügen, sollten wir uns bemühen, diese zu halten und Forschung & Entwicklung zu forcieren – ich denke z.B. an die spezialisierte Halbleiter-Fertigung, den Spritzguss oder große Teile der Metallverarbeitung. „Little Giants“ sind das, was wir in Österreich gerne „Hidden Champions“ nennen. Diese Unternehmen und die mit ihnen verbundenen Kompetenzen zu unterstützen und auszubauen, mit AI & Co. anzureichern, wäre ein wichtiges Ziel. Außerdem brauchen innovative Unternehmen, bestehende und neue, geduldiges Kapital für langfristige Investitionen – gerade auch, wenn Firmen und ihre Geschäftsmodelle kein klassischer Fall für Venture Capital Investments sind.

Freue mich über Rückmeldungen, bestärkende oder abweichende Gedanken. Ich finde es wichtig, Industriepolitik breit zu diskutieren.

Arbeitsanreizdiskurs

Vor einigen Jahren war das bedingungslose Grundeinkommen ein großes Diskussionsthema. Der potenziell negative Arbeitsanreiz war meist Teil der Diskussion. Beim Thema Erbschaften wird darüber selten diskutiert. Erfreulicherweise gerade im Standard durch Ulrike Famira-Mühlberger und Jürgen Janger vom Wifo:

https://www.derstandard.at/story/3000000309448/grosses-erbe-kleiner-arbeitsanreiz

Szenendiskussion

Die ganze Woche schon wird auf Social Media der Einstieg von Peter Steinberger (OpenClaw) bei OpenAI heiß diskutiert. In den meisten Fällen dominiert die Einseitigkeit („Unternehmer werden in Europa mit Füßen getreten„, „Wieder ein Startup Bro, dem Sicherheit egal ist„, etc.). Eine nicht einseitige und hörenswerte Einordnung machen dafür Jakob Steinschaden und Clemens Wasner in ihrem „AI Talk“: https://www.trendingtopics.eu/steinberger-kontroverse/

Too long; didn’t listen:

  • Beim Fall Steinberger geht es weniger um Startups als um Open Source Softwareentwicklung; der Abgesang auf Europa durch seinen Jobwechsel ist fehl am Platz.
  • Das ORF-Interview bei Armin Wolf war kritisch und das ist auch die Aufgabe der Zeit im Bild; gleichzeitig gibt es in Österreich ein Problem zu Technologiebildung.
  • Österreich und Europa sind im Open Source Bereich gut aufgestellt; die Unterstützung für Unternehmen und Geschäftsmodelle ist aber zu gering, häufig bleiben nur Lippenbekenntnisse.

Ergänzung von meiner Seite: im politischen Diskurs steht bei Open Source meistens die öffentlichen Verwaltung im Mittelpunkt. Das ist schon wichtig, aber der potenzielle wirtschaftliche Hebel und die Wertschöpfung durch entsprechende Geschäftsmodelle sind mindestens so relevant. Unser Zugang dazu muss sich ändern, denn gerade im Umfeld der Produktion („Rückgrat der Wirtschaft“, „Hidden Champions“ usw.) gäbe es hier sehr viele Möglichkeiten.

Chatsouveränität

Langsam, aber stetig, nutzen immer mehr Organisationen und öffentliche Einrichtungen das offene Matrix-Protokoll (u.a. Messenger Element) für souveränes Instant Messaging: https://www.theregister.com/2026/02/09/matrix_element_secure_chat/

Im Artikel wird auch erwähnt, dass „das österreichische Gesundheitssystem“ Matrix nutzen würde. Falls jemand dazu etwas weiß, freue ich mich über ein Info!

Souveränitätsgedanken

Bei PULS 4 wurde in der Sendung „Breaking Media“ die digitale Souveränität Österreichs besprochen. Dazu war Staatssekretär Alexander Pröll als Gast in der Sendung (ab 15:50 min) – ich durfte einen EInspieler beisteuern (18:50 min):

https://www.joyn.at/play/serien/breaking-media-machtmedienkompetenz/1-2-breaking-media-mutprobe-journalismus

Honscast

Der Petutschnig Hons hat seit einiger Zeit einen wöchentlichen Podast. Sein Blick auf die News der Woche, inkl. Landleben, Innenpolitik und Sport. Ich finde seine Perspektive wichtig: er greift – im Dialekt – viele Themen auf, die außerhalb größerer Städte anders wahrgenommen werden und macht das, ohne dabei ins permanente Schimpfen und wir-gegen-die zu verfallen.

Eine Hörempfehlung gegen die Filterblase:

https://petutschnighons.podigee.io/

Öffnungstendenzen

Zwei gute Nachrichten:

1️⃣Die Europäische Kommission will vermehrt auf die Kommerzialisierung von setzen: https://www.euractiv.com/news/commission-wants-to-commercialise-open-source-for-sovereignty/

2️⃣Österreich setzt ebenfalls vermehrt auf offene Alternativen – eine lesenswerte Zusammenfassung von Erich Möchel: https://www.golem.de/news/abschied-von-microsoft-und-vmware-oesterreichs-roadmap-zur-digitalen-souveraenitaet-2601-204331.html

Souveränitätswunschvorstellungen

Ich durfte beim Falter den folgenden Beitrag zu digitaler Souveränität veröffentlichen: https://www.falter.at/zeitung/20260107/wir-muessen-digitale-souveraenitaet-endlich-ernst-nehmen


Wir müssen digitale Souveränität endlich ernst nehmen

Wenn IT-Systeme ausfallen, Preise digitaler Services erhöht werden oder Staaten Einfluss auf Technologie-Konzerne nehmen, dann läuten in Europa die digitalpolitischen Alarmglocken. Immer mehr Menschenverstehen, dass einseitige Abhängigkeiten in der Digitalisierung ein Problem sind. Ende November gab es zur digitalen Souveränität einen eigenen Gipfel in Berlin. Europa brauche mehr digitale Gestaltungsmöglichkeiten, die Bedeutung freier und offener Software wurde unterstrichen.

Auch Österreich brachte sich ein und auch hierzulande gibt es entsprechende Entwicklungen. So nutzen z.B. einzelne Ministerien freie Software für Bürotätigkeiten oder als Kollaborations-Plattform. Beinahe unbemerkt haben sich in Österreich auch IT-Player mit europäischer Strahlkraft entwickelt, z.B. bei Cloud-Lösungen oder im Bereich der Virtualisierung. Open Source Software und Hardware werden häufig mit österreichischer Unterstützung entwickelt.

Open Source? Das ist doch ein Thema für die Nerds? Und München ist ja mit Linux gescheitert, oder? Leider sitzen solche Vorstellungen tief in den Köpfen so mancher Entscheidungsträger. Gleichzeitig wird das wirtschaftliche Potenzial offener Softwareentwicklung von EU-Kommission, Branchenvertretungen und Unternehmen längst gesehen. Open Source Software wird z.B. im Maschinenbau eingesetzt, wo die am Weltmarkt gefragte Kernkompetenz durch offene Software ergänzt und verstärkt wird. Für Österreich ergeben sich dadurch große Chancen.

Möglichkeiten für Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft

Digitale Souveränität bzw. Open Source als wirtschaftliches Standbein Österreichs – was ist dafür notwendig? Es braucht einen gesamtheitlichen Zugang und eine engere Verzahnung der unterschiedlichen Aktivitäten im Land.

Offene und alternative Software ist für die öffentliche Hand zunehmend interessant, einerseits um langfristig plattformunabhängig digitale Services anbieten zu können, andererseits aufgrund der budgetären Realität – hohe monatliche Lizenzzahlungen kosten Geld. Um das eigene Personal nicht zu überfordern, braucht es Schulungen und Ausbildungsangebote – z.B. für Gemeinden, Krankenhäuser & Co. Mitstreiter lassen sich auf allen Ebenen finden: das Land Dänemark, das deutsche Bundesland Schleswig-Holstein oder die französische Stadt Lyon steigen gerade auf quelloffene Systeme um. Der Umgang mit Open Source Software muss außerdem in Schulen vermittelt und in den Unterricht integriert werden. Initiativen dazu existieren, sie brauchen Unterstützung und eine institutionelle Verankerung.

Unternehmen und Betriebe entwickeln und nutzen digitale Produkte. Für vermehrte gemeinsame Entwicklung souveräner Software oder Hardware braucht es z.B. Klarstellungen rund um das Kartellrecht. Auch für die Nutzung offener Angebote können Anreize gesetzt werden. Wollen Firmen in digitalsouveräne Lösungen investieren, dann sind die Anschaffungskosten meist höher als der kurzfristige Bezug dominanter Services: kompetentes Personal, eigene Hardware oder Verträge mit lokalen Dienstleistern kosten Geld. Gerade für KMU ist die Liquidität essenziell, günstige Kredite für Investitionen in digitale Souveränität könnten budgetneutral Abhilfe schaffen.

Auch die Wissenschaft spielt bei der Umsetzung digitaler Souveränität eine wichtige Rolle. Die Anbindung der angewandten Forschung an bestehende Open Source Projekte könnte erleichtert werden. Das würde die Wirkung von Forschungsmitteln verbessern und die in Österreich gute Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft stärken. Dabei könnte Österreich z.B. von den Erfahrungen des deutschen Sovereign Tech Fund profitieren.

Digitale Souveränität und Open Source als Standortfaktor

Zu digitaler Souveränität gibt es in Österreich positive Entwicklungen und Stärkefelder: das birgt großes wirtschaftliches Potenzial. Neutralität, Diplomatie und wirtschaftliche Kooperation beherrscht Österreich in der analogen Welt. Diese Stärken könnte man auch digital ausspielen und sich als Standort positionieren.

Die Welt ist im Wandel, insbesondere die digitale. Europa ist sich seiner Abhängigkeiten zunehmend bewusst und investiert, um gegenzusteuern. Wenn Österreich davon profitieren will, dann müssen wir digitale Souveränität jetzt endlich ernst nehmen.

Sözialmedien

Immerhin einmal haben es Ruth und ich heuer doch noch geschafft, eine Podcast-Folge aufzunehmen 🎙 – zu österreichischer Social Media Geschichte: diesmal geht’s um ameisen.cc, was das war und was daraus wurde 😊

Anzuhören auf Apple Podcasts, Spotify, überall anders und auf unserer Webseite:
https://erinnerungsluecken.at/2025/12/14/folge-34-was-wurde-aus-ameisen-cc/

Digitalisierungssupport

Schon seit einiger Zeit bin ich für die Stadt Schwechat als „Digi-Dolmetscher“ tätig. Ein kleiner Erfahrungsbericht dazu ist jetzt online zu finden: https://www.digitalaustria.gv.at/kompetenzen/best-practices/spotlights/aus-der-praxis-eines-digi-dolmetschers.html